Verantwortung und Selbstermächtigung

Es war einmal vor weit über 100 Jahren, als die Welt noch Bio war und keiner was davon wusste…

Auf dem Bild sieht man einen Landwirt aus unserem Dorf, der sein Feld spritzt, genau neben meinem Naturkräutergarten. Das ist für mich der Auslöser heute meinen Biostatus rein formell aufzugeben und zwar aus freiwilligen, selbstermächtigten Gründen, die darin münden sollen etwas ganz Neues und Freies zu erschaffen! Ich klinke mich aus einem System aus, hinter dem ich ganz persönlich nicht mehr stehe und begebe mich in die Selbst-Verantwortung um noch natürlicher zu werden und in tieferem Einklang mit der Natur wirken zu können.

Ich werde weiterhin mit best recherchiertem Wissen so ökologisch weiterarbeiten und mich bemühen, immer nachhaltiger zu werden, so wie ich das schon seit meiner Kindheit mache. Meine Zukäufe sind und bleiben Erde von Ökohum und Palaterra, sowie Stecklinge vom Biolandhof und anderen Biobetrieben. Der Dünger wird neben Kleepura und Ökohum Schafwolle auch immer noch Hornspäne sein, weil Pflanzen das einfach lieben. EM Bakterien und biologischer Pflanzenschutz mit Ackerschachtelhalm, Brennnessel und Beinwellbrühe, Knoblauchsud und Wermutkraut sind schon immer bei mir im Einsatz.

Doch wer es genau wissen will, wie man in einer giftigen Umgebung noch ökologisch arbeiten kann, wird von mir unbequeme und auch unappetitliche Erläuterungen hören. Aus meiner Sicht müssten wir die derzeitige Giftlandwirtschaft sofort stilllegen, um der Bienen Willen um unserer Gesundheit Willen und aus purer selbstermächtigender Verantwortung wegen. Dann würden wir ein paar Jahre nur brauchen um Böden und Landschaft zu regenerieren. Die Demeter-Landwirtschaft zeigt, wie schnell sich die Natur erholt. Bäche würden wieder mäandern und Hecken würden vielen Lebewesen Schutz bieten, die uns wiederum die sogenannten Schädlinge regulieren. Auf ganz natürliche Weise… etc…

Wir sind angeblich seit 10000 Jahren Ackerbauern und Viehzüchter, so erzählt man uns und das hat prima biologisch funktioniert. Wobei ich selbst glaube, dass man als Jägerin, Sammler und Gräber weitaus mehr Lebenszeit hat. Getreidebauer sein ist mühsamer. Dennoch, wir waren bis vor kurzem noch allesamt und vollständig bio.

Als ich in den 79er Jahren des letzten Jahrhunderts als Kind über die Felder lief, wunderte ich mich über die weißen Kügelchen, die auf dem Feldweg lagen, über die schnurgerade gezogenen Getreidepflanzen und über die in Reih und Glied stehenden Nadelbäume. An manchen Tagen rochen die Felder nicht fein nach Regen, Sonne, Frische oder Ernteduft, sondern stachen giftig in die Nase. Als Kind verstand ich diese Welt nicht und begrüßte es als die ersten Bioläden öffneten. Das fand ich einerseits innovativ, doch andererseits wunderte ich mich über diese Abgrenzung, die sofort argwöhnisch beäugt und kritisiert wurde. Bio, das war schräg und dass das nicht normal war, war für mich das eigentlich schräge an der Sache. Heute, nach vielen Jahrzehnten, in denen ich den Biogedanken mitprägen durfte frage ich mich immer noch, warum Bio nicht das eigentlich Normale ist. In meinen Kopf geht bis heute der Gedanke der Giftlandwirtschaft nicht hinein. Und dass ich mich bio nennen soll und bis zum 13.9.2020 auch tat und kontrollieren ließ von einem System, das diesen Biogedanken, unseren Biogedanken einfach annektierte und uns mit seinen eigenen Regeln in Korsetts packte, geht immer noch nicht mit mir konform.

Ich wollte immer schon einen neuen Biogedanken erfinden oder zurück zu einem Ursprünglichen Miteinander von Mensch und Natur. Vor über hundert Jahren fiel die Wahl der Menschheit auf die Giftlandwirtschaft. Die wenigen Menschen, die sich weiter an der Natur und ihren Rhythmen und Dynamiken orientierten gerieten schnell in Vergessenheit oder wurden ins Lächerliche gezogen.

Heute ist bio ein lukratives Verkaufs oder Kaufargument. Es ist Mode, hip und angesagt und glücklicherweise nicht mehr lächerlich oder schräg. Man muss kein elitärer Hippie oder intellektueller Öko mehr sein, um Bio zu kaufen und das haben wir durchaus auch den Discountern zu verdanken. Bio ist zwar in aller Munde, doch längst nicht bis dahin durchgedrungen die Giftlandwirtschaft zu ersetzen.

Jetzt also gilt es die alten Fäden neu zu spinnen und wieder dort aufzunehmen wo wir sie verloren glauben. Die Landwirtschaft muss komplett neu gedacht werden. Die Felder um mich herum produzieren nur noch Weizen, Gerste, Mais und Raps. Das heißt im Klartext dass der Hunsrück wenig dazu beiträgt Lebensmittel wachsen zu lassen. Was ist da passiert? Wo sind die Kartoffeln, die Kühe, die Bauern? In den 70ern war fast jeder Bauer oder Winzer. Heute gibt es in unserem Dorf statt 40 Bauern, nur noch drei. Jeder hatte Kühe, Schweine, Hühner. Keine Tiere, kein natürlicher Dünger. Die Böden sind ohnehin schon karg, also wird Kunstdünger gestreut, statt gehackt wird gespritzt.

Und mehr noch: Auch die privaten Gemüsegärten, romantischen Bauerngärten sind verschwunden. Die großen Familien, mit Großeltern, Tanten, Onkeln, die im Garten das Gemüse hegten kann man lange suchen gehen. Obst und Gemüse gibts im Supermarkt und ich brauche nicht zu erwähnen, dass auch der kleine Dorfladen schon lange Geschichte ist.

Ob das alles wieder zu beleben ist mag vielleicht gar nicht der Gedanke sein, den wir brauchen. Heute formieren sich SoLaWis und andere holistische Gemeinschaften und Genossenschaften, die wieder in Handarbeit, in Permakultur oder wie in Findhorn mit den Naturgeistern zu arbeiten verstehen.

Das Jahr 2020 könnte der Anfang eines Gedankengutes werden, der frei gesetzte Kapazitäten, sprich arbeitslose Menschen, zusammen auf die Felder bringt um in Handarbeit auf kleinen Parzellen neu entstandene Marketgarden kultiviert und Hand in Hand mit Förstern und Jägern auch die Waldtiere auf den Speiseplan bringt.

Ich erschaffe mir mit meinem Austritt aus dem Bioverband und der EU-Biokontrolle ein eigenes Statement, um für uns moderne Menschen, den Umgang, das Miteinander mit der Natur von Grund auf, neu gestalten zu können.